Lesung: Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad

Datum/Zeit
Freitag - 29.11.2019
19:00 - 21:00

Veranstaltungsort
14. OG im Conti-Hochhaus

Kategorien

Eintritt frei

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Die Bundesrepublik in den 1960er Jahren: Unter der Schirmherrschaft des reaktionären Laienpredigers Paul Schäfer werden fast zweihundert Kinder ins chilenische Ausland entführt. Er gründet dort eine brutale Sekte, in der die betroffenen Kinder über Jahrzehnte sexuell und als Arbeitssklav*innen missbraucht werden — die Colonia Dignidad.
Später geraten auch zahlreiche chilenische Kinder in die Fänge der klerikalfaschistischen Kolonie. Die Sekte stellt sich nach dem Putsch im Jahre 1973 auch in den Dienst der Pinochet-Diktatur. Gemeinsam mit dem Geheimdienst DINA werden hier chilenische Oppositionelle eingesperrt, gefoltert und getötet. Erst die allmähliche Demokratisierung Chiles schafft die Bedingungen, dem Ganzen in seiner Perfidität ein Ende zu setzen. Zurück bleiben hunderte Menschen, geprägt durch Betrug und Unterdrückung in unvergleichlichem Ausmaß.

In ihrem Buch „Lasst uns reden – Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad“ macht sich Autorin Heike Rittel auf die Spur der Frauen in der ehemaligen Sekte, deren Schicksal kaum im Fokus der öffentlichen Betrachtung stand. Sie hat mit ihnen zusammen gelebt, Orte besucht, mit denen sie ihre Erinnerungen verknüpfen und dabei ihren Alltag und ihre Angehörigen kennengelernt.

Entstanden ist eine sensible Zusammenstellung von subjektiven weiblichen Betroffenenschicksalen, die einen differenzierteren Blick auf die verbrecherischen Geschehnisse vor Ort ermöglicht. Während bisher in Film und Literatur von den Betroffenen oft ein graues, gleichgeschaltetes und uniformiertes Bild gezeichnet wird, ermöglichen Rittels Frauenprotokolle einen Blick hinter die Fassade. Sichtbar werden sehr persönliche Schicksale mit ganz unterschiedlichen Überlebensstrategien und Formen der Vergangenheitsbewältigung.

Heike Rittel ließt gemeinsam mit den ehemaligen Sektenmitgliedern Edeltraut, deren Lebensgeschichte in den Frauenprotokollen verschriftlicht ist, und Michael Müller aus ihrem Buch vor. Edeltraut lebte seit ihrem 5. Lebensjahr in der Colonia Dignidad und Michael folgte mit 16 Jahren seiner Mutter von Deutschland nach Chile. Für beide gab es bis 2005 kein Zurück. Heute leben und arbeiten sie in Deutschland.

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Die Lesung ist Teil einer Veranstaltungsreihe über die christlich fundamentalistische Colonia Dignidad. Sie vereint die Erfahrungen Überlebender mit kritischen wissenschaftlichen Perspektiven und versucht dabei aktuelle Debatten rund um eine Aufarbeitung der Geschehnisse in den Blick zu nehmen. Informationen zu weiteren Veranstaltungen finden sich unter:
www.coloniadignidad.asta-hannover.de

Weitere Veranstaltungen:

Colonia Dignidad • Einführungsvortrag
https://www.facebook.com/events/387939602155692/

“Wir sind ganz andere Menschen” • Identitätskonstruktion nach Sozialisation in der totalitär-religiösen Gemeinschaft Colonia Dignidad
https://www.facebook.com/events/1316099001902490/

Rolf Pohl: Sexualität, Macht und Geschlecht in der Colonia Dignidad • Über sexuelle Gewalt als männliches Herrschfatsinstrument
https://www.facebook.com/events/449158635716416/?notif_t=plan_user_joined&notif_id=1571734493649891