Alltagswiderstand und Solidaritätsstrukturen entlang der Balkanroute

Datum/Zeit
Mittwoch - 13.09.2017
20:00 - 22:00

Veranstaltungsort
UJZ Korn

Kategorien

Eintritt frei


Veranstaltungs-Rundreise mit Gästen aus Thessaloniki und Belgrad zu den Kämpfen gegen das EU-Grenzregime.

Zum zweiten Mal jährt sich im September der March of Hope vom Budapester Bahnhof Keleti. Tausende Menschen brachen gemeinsam Richtung Österreich und Deutschland auf und machten so ihr Recht auf Migration und Flucht gegen das EU-Grenzregime geltend. Zwischen November 2015 und März 2016 wurde die erkämpfte offene Route nach und nach wieder geschlossen, und mit dem EU-Türkei-Deal sowie mit der Räumung des Flüchtlingscamps in Idomeni im Mai 2016 ist es um die Balkanroute in Politik und Medien zunehmend stiller geworden.
Doch noch immer sind Menschen in Bewegung und überqueren Grenzen, noch immer gibt es Widerstand gegen die EU-Migrationspolitik und deren Auswirkungen auf den gesamten Balkan.
Wie werden die damaligen Ereignisse bewertet und was hat sich seitdem getan? Aktivist_innen aus Belgrad (der früheren Noborder Serbia Gruppe) und aus Thessaloniki (der Gruppe Clandestina) berichten auf der Rundreise über die aktuelle Situation und vermitteln uns ihre Einschätzungen der Entwicklungen der letzten Jahre.
Auf ihrem Weg nach Westeuropa sitzen nach wie vor Tausende unter verheerenden Bedingungen in Transitländern und an den Grenzen fest. Sie werden in Camps isoliert oder in Gefängnissen interniert. Illegale Rückschiebungen (sog. Push-Backs) über die Grenzen aller Balkanstaaten gehören – als Einschüchterungs- und Abschreckungsstrategie – zur täglichen Praxis sämtlicher Grenzpolizeien.
Gleichzeitig wurden entlang der Route und auch in Belgrad und Thessaloniki solidarische (Selbst-) Versorgungsstrukturen jenseits des staatlichen Migrationsmanagements aufgebaut. So lebten über 1200 Menschen in Baracken nahe dem Bahnhof in Belgrad. Dort gab es autonome Küchenstrukturen, eine Sporthalle, Handyladestationen und
provisorische Duschen. Auch wenn die Menschen dort unter völlig unzureichenden hygienischen Bedingungen und von der Gesellschaft ausgegrenzt lebten, boten die Baracken einen Ort der Selbstorganisierung und die Möglichkeit, sich auf den weiteren Weg hin zu besseren Lebensbedingungen vorzubereiten. Regelmäßig werden solche Räume durch Staat und Polizei zerschlagen. So auch die Baracken in Belgrad, die Anfang Mai 2017 geräumt wurden.
In Thessaloniki wurden drei von und mit Geflüchteten besetzte Häuser bereits im Sommer 2016 geräumt, unmittelbar nach dem dortigen Noborder Camp. Doch auch hier ging und geht der Widerstand weiter und haben sich gemeinsame Strukturen mit Refugee-Communities verfestigt.
Während der Rundreise wollen wir mit den Gästen u.a. diskutieren: Was waren und sind politisch wirksame Aktivitäten, um gegen das Unrecht und die tägliche Gewalt an den Grenzen Widerstand zu leisten? Was sind die besonderen Bedingungen im Transit? Wie sieht nachhaltiger Aktivismus im transnationalen Rahmen aus? Und wie in postsozialistischen Gesellschaften? Wie gelingen Verbindungen und gemeinsame Strukturen in und mit den Communities der MigrantInnen und Geflüchteten?
Die Veranstaltung soll einen Raum bieten für Austausch und Diskussion über Erfahrungen und Möglichkeiten eines solidarischen Aktivismus.